[Filme] Gotthard


Fortschritt um jeden Preis.

Göschenen, 1872: Der Bau des Gotthard-Tunnels ist ein riesiges Projekt, zu dessen Bau Menschen von überall her in das kleine Dörfchen Göschenen in der Schweiz strömen. Unter ihnen befindet sich auch Max Bühl (Maxim Mehmet) aus Deutschland und Tommaso Lazzaroni (Pasquale Aleardi).

Im überfüllten Dorf finden beide Unterschlupf bei der jungen Anna Tresch (Miriam Stein) und von da an ist ihrer aller Schicksal unweigerlich miteinander und mit dem Tunnelbau verknüpft...

Der Hexenmeister und ich sind die unpatriotischsten Schweizer, die euch unterkommen werden. Trotzdem nahmen wir diesen Film aus der Wühlkiste mit nach Hause, denn der Gotthard hat uns alle stark geprägt und tut es noch immer. 

Dann lag der Gotthard erst einmal brach. Nicht wegen Staus, sondern weil wir grundsätzlich vor Schweizer Produktionen (in jeglicher Form) zurückschrecken. Dass die ZDF ihre Finger im Spiel hatte, half leider auch nicht. 

Doch wie so viele Titel, die auf dem SUB (filmisch oder literarisch) dahinvegetieren, hätte es "Gotthard" von Regisseur Urs Egger gar nicht verdient gehabt. Denn schlussendlich entpuppte sich dieser Film als kleines grosses Meisterwerk und liess mich überaus verblüfft zurück.

Verblüfft, weil ich nicht damit gerechnet hätte, dass die Schweiz einen wirklich guten und informativen Streifen auf die Beine stellen konnte. Vielleicht liegt es auch am ZDF, wer weiss das schon. Auf jeden Fall überzeugt mich dieses Historiendrama in allen Bereichen. Und wie gesagt hat das nichts mit Patriotismus zu tun.

Der Zweiteiler kommt mit einer grundsoliden Handlung daher, die auf den wahren Begebenheiten des Gotthardbaus beruht. Im Abspann erhält der interessierte Zuschauer weitere Informationen, welche Auswirkungen die Arbeiterbewegung (ebenfalls im Film dargestellt) auf das Schweizer Sozialsystem hatte. Auf der Filmseite des ZDF sind zudem weiterführende Texte und Bilder einzusehen. Vor allem die Fotografien zeigen uns, wie ernst am Set die Kulisse genommen wurde. Man erkennt genau, wo welche Szene gespielt hat.

Apropos Szene: gedreht wurde nicht in Göschenen, sondern in Graubünden. Dachte schon, diese Berge kommen mir vertraut vor.

So verbindet "Gotthard" gekonnt den realen Hintergrund und die fiktive Geschichte der Helden. Die Handlung konzentriert sich stark auf die Helden, sodass Nebencharaktere teilweise etwas in den Hintergrund gedrängt werden. Dafür sind die drei Hauptrollen der Anna Tresch (Miriam Stein), des Max Bühl (Maxim Mehmet) des Tommaso Lazzaroni (Pasquale Aleardi) einerseits sehr gut geschrieben, andererseits auch sehr gut gespielt. Sie alle haben Stärken und Schwächen, gute Seiten und schlechte. Dadurch wirken sie menschlich, was vor allem für einen Film wichtig ist, der vor einem real greifbaren Hintergrund spielt.

Anfangs des zweiten Teils konzentriert sich die Geschichte etwas zu sehr auf die Dreiecksbeziehung, was bei mir ja bekannterweise nicht sonderlich gut ankommt. Dies gibt sich aber rasch wieder und man konzentriert sich erneut auf den Bau des Gotthards, der hier der eigentliche Hauptdarsteller ist.

Ein wirklich sehenswerter Film, dem es gut getan hat, auf zwei Teile aufgeteilt zu werden. Ansonsten hätte man keine wirkliche Verbindung zum Thema aufbauen können und alles Wissenswerte, was hier vermittelt wird, wäre an den Zuschauern vorübergegangen. Gut gemacht!

Bechdel-Test: nicht bestanden
Anna ist die zentrale weibliche Figur und obwohl noch weitere Frauenrollen vorhanden sind, sind kommt es doch nur ab und an zu einem kurzen Wortwechsel. Bei einem längeren dreht sich das Gespräch wiederum um Max - also nicht bestanden.

Lieblingsszene: Schwer zu sagen, da es doch einige gute Szenen gibt. Vor allem die Einblicke in das Leben der Arbeiter fand ich jedesmal bemerkenswert. Dazwischen gibt es auch immer wieder humoristische Einlagen (z.B. wie sich Max und Tommaso ein Bett teilen), die ebenfalls gut aufgezogen sind.


Produktionsland: Schweiz/Deutschland
Originalsprache: Schweizerdeutsch, Deutsch, Italienisch, Französisch
Originaltitel: Gotthard
Regisseur: Urs Egger
Label: SRF
Laufzeit: 120 Minuten
FSK: ab 12
Erscheinungstermin: 02.08.2016

Kommentare :

  1. Ich weiß noch, wie der seinerzeit frisch im Fernsehen als Premiere lief. Der wurde teils groß angekündigt, ein typisches Event-Movie eben, wie es Jahre zuvor SAT.1 und RTL mit ihren diversen Katastrophenfilmen eingeführt haben.

    Ich habe ihn mir noch nicht angesehen, aber ohne jetzt die Schweizer Filmindustrie aus Versehen schlecht dastehen zu lassen, aber ich glaube, dass dieser Film so gut gelungen ist liegt an dem Ko-Produzenten ZDF, die wissen nämlich, wie man Filme hochqualitativ produziert. Zudem kann auf die Idee, den Film in zwei Teile aufzuteilen, definitiv nur von einem Produzenten wie dem ZDF kommen.

    Ich denke, Österreich und Schweiz sind sich bei dem Aussehen von Filmen ähnlich, nämlich klein, leicht merkwürdig, subversiv, subtil, sehr sehr ruhig, … Aus diesem Grund glaube ich, dass diese beiden Länder alleine so ein Mammutprojekt, ohne einen Partner wie eben das ZDF zum Beispiel, niemals auf die Beine hätten stellen können.

    LG
    Stephan

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Achso:
      Du wirst dich jetzt vielleicht wundern, aber mit diesen Dreiecksbeziehungen in Event-Movies habe auch ich ein kleines Problem.

      Jedes Event-Movie, allen voran bei den großen Katastrophenfilmen, egal, ob nun aus Deutschland oder sogar den Vereinigten Staaten (bestes Beispiel ist hier der Film "Pearl Harbor" von Regisseur Michael Bay mit den Schauspielern Josh Hartnett, Ben Affleck und Kate Beckinsale), müssen anscheinend immer inmitten einer Dreiecksbeziehung oder einer normalen Liebesbeziehung spielen.

      Wieso?

      Und bei dieser Art Film (Katastrophenfilm) gefallen mir die Liebesbeziehungen deshalb nicht, weil, wenn man eine Katastrophe gerade noch so lebend überstanden hat, will man sofort zurück zum Ort des Geschehens, nur, um seine Liebste zu suchen. Das ist für mich genauso eine dämliche Handlung wie bei einem Found-Footage-Film (zurückrennen, nur, um die Kamera zu holen).

      Und wenn es mal keine Liebesbeziehungen sind, nimmt das andere gute alte Thema her, nämlich Familienzwistigkeiten.

      Kann man Katastrophenfilme nicht auf andere Art erzählen, muss man immer die zwei gleichen ausgelutschten Themen hernehmen?

      LG
      Stephan

      Löschen
    2. Wo ich grad so sinniere über Katastrophenfilme und die darin vordergründigen Liebesbeziehungen, fällt mir doch gerade so auf, dass sich da etwas herauskristallisiert, was zu der aktuellen Frauen-an-die-Macht-Debatte passt.

      Gibt es eigentlich irgendeinen Katastrophenfilm, wo die Hauptrolle, also der Held, nicht männlich, sondern weiblich ist (also eine Heldin)?

      LG
      Stephan

      Löschen
    3. Auch ich persönlich denke sehr, dass der Film von der Zusammenarbeit mit dem ZDF profitiert hat. Die Schweiz alleine hätte zwar vielleicht etwas hinbekommen, aber bestimmt nicht in dieser Qualität. Wie du sagst, sind rein Schweizerische (über die Österreicher kann ich aktuell noch nicht viel sagen) eher experimentell und «speziell», was ja nichts Schlechtes sein muss. Hier hätte dies aber nicht gepasst, da sich der Film um etwas Historisches dreht. Da passt experimentell meiner Ansicht nach einfach nicht.

      Stimmt, diesen emotionalen Zeigefinger ist mir auch schon an vielen Stellen aufgefallen (letzthin im russischen Film «Admiral», da hätte man sich auch besser auf die historischen Fakten konzentriert). Und wenn du dich, der du ja Liebesgeschichten eigentlich magst, dich schon fragst, warum das so ist, so kannst du dir vorstellen, wie es mir dabei geht ;)

      Viele Filme verlieren deshalb den Fokus. Wenn ich einen Liebesfilm sehen möchte, dann sehe ich mir einen solchen kann. Keinen Katastrophenfilm oder etwas Historisches. Wenn ich letztes sehen möchte, dann wegen der Informationen, die man dadurch erhält (das Thema hatten wir ja auch schon :)

      Bisher wüsste ich ehrlich gesagt, keinen Katastrophenfilm, bei dem eine Frau die Hauptrolle spielt. Bei den historischen Filmen schon eher. Aber bei den Katastrophen scheinen sich die Männer beweisen zu müssen, dass sie ihre Frauen beschützen können. Oder so…?

      Löschen
    4. Während ich so deinen Kommentar las, da viel mir ein kleiner Kompromiss ein in Bezug auf die Verbindung Katastrophen- und Liebesfilme.

      Der Kompromiss lautet, bei wahren Begebenheiten weglassen, und bei den rein fiktiven ("2012", "Independence Day", "The Day After Tomorrow", "Geostorm", "Storm Hunters" und so weiter), da kann man meinetwegen die Liebe und die Familie drin lassen.

      LG
      Stephan

      Löschen
    5. Ein guter Kompromiss, da fiktive Geschichten es eher erlauben, die Figuren unlogisch handeln zu lassen ;)

      Löschen
    6. Eine Lovestory in Katastrophenfilmen muss jetzt nicht zwingend bedeuten, dass die Figuren aufgrund dessen unlogisch handeln.

      Durch Zufall habe ich mir heute im Fernsehen den Film "The Finest Hours" mit Schauspieler Chris Pine angesehen. Die Liebesgeschichte hat doch tatsächlich die Spannung rausgenommen. (Gut, das war jetzt bei diesem Film nicht das einzige, was die Spannung rausgenommen hat, der Film wurde generell ziemlich unspektakulär produziert)

      LG
      Stephan

      Löschen
    7. Aber ziemlich oft eben schon (wie du bereits im Kommentar oben meintest: "Nein, ich muss dahin zurück, woher ich gekommen bin, da es eine 0.0001% Chance gibt, dass die Person noch lebt" oder schlimmer noch, irgendwelche Sex-Szenen, während nebenher irgendwie die Welt untergeht ) ;)

      Das passiert leider ziemlich häufig, wobei ich ja sowieso schon eher negativ eingestellt bin, was irgendwelche dahergekleisterten Beziehungsgeschichten anbelangt...

      Löschen
    8. Da hast du natürlich auch wieder Recht.

      LG
      Stephan

      Löschen