[Filme] Ausser Atem

Ausser Atem, 1960

Leiden ist völlig idiotisch. Ich entscheide mich für das Nichts. Das ist zwar nicht viel besser, aber Leiden ist ein Kompromiss. Ich will alles oder nichts. Von diesem Augenblick an weiß ich es. Endgültig.


Michel (Jean-Paul Belmondo), seines Zeichens ein kleiner Ganove, möchte seine geliebte Patricia (Jean Seberg) zurückgewinnen. Unterwegs nach Paris erschiesst Michel jedoch einen Polizisten und wird nun gesucht. Das bringt den jungen Mann aber nicht aus der Ruhe und er versucht alles, um Patricia dazu zu bringen, mit ihm nach Italien zu gehen. Diese ist hin und her gerissen. Liebe oder doch lieber ihre Karriere? Wofür wird sie sich schlussendlich entscheiden?

Ein weiterer Versuch meinerseits  mit dem berühmten Regisseur Jean-Luc Godard. Dieses Mal zum Glück erfolgreicher als beim ersten Versuch. Deutscher Untertitel zum Dank. So also konnte ich einen Einblick in das Werk von Godard erhalten, wobei "Ausser Atem" auch etwas leichter wirkt als "2 ou 3 choses que je sais d'elle".

Godard hat eine faszinierende Art, seinen Film zu inszenieren. Sein Blick ist irgendwie entfremdet, immer einen Schritt weiter weg als andere Regisseure. Während die Figuren versuchen, ihre Probleme zu lösen, schweben wir als Zuschauer symbolisch einen Meter über dem Boden. Die Kamera mag nah am Geschehen dran sein, dennoch besteht eine gewisse Distanz.

Blicke und Gesten sind wichtig und erzählen ihre ganz eigene Geschichte. Dennoch ist der Film äusserst textlastig, teilweise war es mir dann doch etwas zu viel des verliebten Gespräches über alle möglichen philosophischen Themen. Doch die szenischen Aufnahmen sind sehr eindrücklich, die Schnitte schneiden tief, sodass man sich auch einige Dinge zusammenreimen muss.

Aus den Figuren wurde ich leider absolut nicht schlau. Ich spürte einfach die angebliche Liebe zwischen den Zweien nicht. Aber vielleicht muss das auch so sein. Michel spricht immer wieder von seiner Liebe zu Patricia, doch ich verstehe diese Art Liebe wohl einfach nicht. Auf jeden Fall ist es bestimmt interessant, sich noch tiefer und weiter mit der Beziehung von  Michel und Patricia zu beschäftigen.

Interessanterweise hat der Film um diesen Mini-Gangster auch seine lustigen Szenen. Vieles wird übertrieben dargestellt, sodass man als Zuschauer ins Schmunzeln gerät. Ansonsten zeichnet sich "Ausser Atem" durch eine eher ruhige Hand aus.

Ebenfalls spannend fand ich die Wandlung während des Erzählens. Immer mehr rutscht Michel aus dem Blick und Patricia stiehlt sich langsam aber sicher die Hauptrolle. Man merkt, wie sie immer mehr in die Zwickmühle gerät: Michel oder Karriere. Ein Thema, das in den 60ern wohl noch nicht wirklich im Bewusstsein der breiten Bevölkerung war - aber auch Frauen wünschen es sich, eine Karriere zu haben und erfolgreich zu sein.

Leider blieb mir dieser teilweise sehr textlastige Film kaum im Kopf. Wenn ich jetzt zurückschaue, sind nur einige Bilder geblieben, die Schlussszene zum Beispiel oder Patricia bei einem Interview. Vieles ist weg und ich musste mich erst wieder an "Ausser Atem" herantasten, um überhaupt davon berichten zu können.

Trotzdem bin ich froh, endlich einen Godard gesehen zu haben und dessen Handwerkskunst bewundern zu können. Fest steht, dass ich es mit dem eingangs erwähnten Film bestimmt noch einmal versuchen möchte, denn dieser Regisseur ist überaus beeindruckend.

Bechdel-Test: nicht bestanden
Obwohl wir es mit einer starken Frau und einer überzeugenden politischen Aussage zu tun haben, besteht der Film den Test nicht. Zentral sind Michel und Patricia, alle anderen Figuren treten nur am Rand in Erscheinung. Einzig die ermittelnden Polizisten treten öfters auf, aber das sind eben auch Männer.

Lieblingsszene: Schwer zu beantworten, da mir nicht viel vom Film geblieben ist. Aber die bereits in der Rezension erwähnten Szenen könnten dazu gezählt werden, da sie sich mir gut eingeprägt haben.

 

Kommentare :

  1. Anhand deiner Äußerungen zum Film "Ausser Atem" muss ich mich mal endlich dazu zwingen, mir wenigstens einen, schöner wäre mehrere, Jean-Luc Godard-Filme anzusehen. Dieser hier liest sich von der Story her recht interessant. Sollte kein anderes Werk dieses außergewöhnlichen Regisseurs mir vor die Füße fallen, dann wird mein erstes Movie von ihm dieses hier sein. Ich war übrigens zu Beginn deiner Rezi leicht verwundert, weil in so einem Arthouse-Film Schauspieler Jean-Paul Belmondo mitwirkt, ein Mann, der mir eigentlich aus Komödien ein Begriff ist. Gut, soll jetzt nicht negativ von mir gemeint sein, denn viele Schauspieler schwimmen durch mehrere Genres. Und auch schön und gut so, dass sie sich nicht in eine Schublade dadurch stecken lassen wollen. Aber da ich ihn eben, wie bereits erwähnt, nur von Komödien her kenne, und dies sind jetzt auch nicht gerade wenig, dachte ich, er will nur in Komödien mitspielen, so eine Art Gewohnheitsdenken meinerseits.

    LG
    Stephan

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    1. Naja, wenn du dich dazu zwingen musst, ist das doch auch nicht der richtige Weg, oder? Aussergewöhnlich trifft es jedoch auf jeden Fall! Godard ist auf jeden Fall ein äusserst interessanter Regisseur, von dem ich mir gerne noch mehr ansehen werde.
      Belmondo kannte ich bisher nicht und er ist mir auch bisher nur in "Ausser Atem" begegnet, deshalb kann ich nicht viel dazu sagen. Ich finde jedoch, dass er ausgesprochen gut in die Rolle passt und Michel sehr gut verkörpert. Aber wie du schon sagst, finde ich es auch gut, dass er sich nicht nur auf ein Genre beschränkt.
      Und glaub mir, dieses Gewohnheitsdenken ist nur menschlich ;) Das passiert mir auch oft, in allen möglichen Situationen.

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    2. Damit dies jetzt nicht falsch rüberkommt, dies soll für mich eine schöne Art von Zwang sein. :-)

      Ich denke, Jean-Paul Belmondo ist schon ein Schauspieler, den man einigermaßen kennen sollte. Alle kenne ich auch nicht, dafür spielte er in viel zu vielen Filmen mit, aber einer meiner liebsten ist "Das Superhirn", wo er mit einem zweiten tollen Schauspieler die Bildschirmpräsenz teilt, nämlich David Niven.

      LG
      Stephan

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    3. Ein schöner Zwang - interessanter Ausdruck :) Ein Zwang, den man aber auch geniesst, wieso eigentlich nicht? :)

      Zum Glück kenne ich Belmondo nun, wenn auch nur diesen einen Film. Aber vielleicht begegnet er mir plötzlich wieder irgendwo? Mein "1000 Filme, die Sie gesehen haben sollten"-Buch ist ja noch immer recht dick ;)

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  2. Uh... Hier sprichst du auch eine meiner größten Filmlücken an...

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    1. Mach dir keinen Kopf - ich gehe davon aus, dass meine sonstigen Filmlücken noch viel grösser sind als deine hier ;)

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    2. Ach, glaub mal. Da gibts so einige Leichen bei mir^^

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    3. Echt? Hab bei dir vorbeigeschaut und ich denke mal, dass du einen wirklich guten Überblick über alles Wichtige hast^^

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  3. Ich bin heute drauf gekommen, ich habe doch schon mal einen Film von Jean-Luc Godard gesehen, und diesen will ich dir sicher nicht vorenthalten.

    Er heißt "Die Verachtung".

    https://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss/257-7546652-1381735?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Ddvd&field-keywords=die+verachtung

    Dieser Film ist so wunderschön, so magisch.

    LG
    Stephan

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    1. So, jetzt habe ich bei meiner Bibliothek eine Merkliste mit dem Namen "Stephan" angelegt. Da kommt jetzt alles rein, was du mir vorschlägst. Vielleicht kann ich die Liste irgendwann abarbeiten ;)

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    2. :D :D :D

      Dann muss ich ja ab sofort fleißig weiterschauen, damit ich dir in Zukunft noch mehr Tipps geben kann!

      :D :D :D

      LG
      Stephan

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    3. Du hast mir doch bereits eine ellenlange Liste hinterlassen :D Wann soll ich denn das alles schauen? :D

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    4. Wann soll ich denn das alles schauen? - Diese Frage stelle ich mir selbst auch ständig. :D

      LG
      Stephan

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    5. Man bräuchte eindeutig mehr Zeit für die tollen Dinge im Leben! :D

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    6. Absolut.
      Es wäre so einfach, wenn da die Nerv tötenden anderen Dinge nicht wären. :-)

      LG
      Stephan

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    7. Definitiv! Das wäre eh gesünder für uns alle ;)

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