[Filme] Ewige Jugend

Ewige Jugend, 2015
Menschen, Tiere, Pflanzen... wir sind alle nur Statisten.

Seit Jahren sind der Dirigent Fred Ballinger (Michael Caine) und der Regisseur Mick Boyle (Harvey Keitel) schon miteinander befreundet. Es gehört dazu, dass sie sich regelmässig in einem Sanatorium in der Schweiz treffen. Nun, im Alter blicken beide auf ein bewegtes Leben zurück. Mick arbeitet an seinem Opus Magnum, während Fred immer wieder eine Einladung der Queen abschlagen muss...

Auch diesen Film haben wir lange vor uns hergeschoben. Der Rückentext klang irgendwie nicht schlecht und einer der Darsteller sieht aus wie Miyazaki-san, das war der Grund, weshalb wir die Blu-Ray überhaupt mit nach Hause nahmen. Dort subbte sie dann so vor sich hin, bis wir uns endlich ein Herz nahmen und den Film starteten.

Was wir erwarteten: einen Kunstfilm, viel zu lange Gespräche, Fingerzeige, langwierige Bildsequenzen. Alles in allem also pure Ödnis.

Bekommen haben wir den Kunstfilm. Und einen ganzen Haufen mehr. "Ewige Jugend" ist einer dieser Filme, von denen man gar rein nichts erwartet (zumindest von unserer Seite aus nicht) und dann total durch den Wind ist, weil man einen echt genialen Film zu sehen bekommen hat.

Was einem sofort auffällt, sind die Bilder. In diesem Film ist keine Kameraeinstellung zufällig gewählt. Dennoch wirkt es nicht überheblich oder schwer, sondern das, wofür ich die Kunst schätze: es wirkt einfach schön. Harmonisch. Klar. Der Aufbau einer jeder Aufstellung ist durchdacht. Bei manchen merkt man es (z.B. als Mick mit seiner Gruppe auf dem Berggipfel auf ihr Drehbuch anstösst), aber meistens bleibt die Komposition dezent im Hintergrund (klare, gerade Linien in der Mitte, ein Weg zum Beispiel). Hier passt jedes Puzzleteil. Dazu kommen die satten, starken Farben, die nicht übertrieben wirken, sondern das Gefühl von Spätsommer unterstreichen. Und ja, in den Bergen schafft es die Sonne, die Farben derart zum Strahlen zu bringen.

Dann schafft es Regisseur Paolo Sorrentino auch, die Balance zwischen Unterhaltung und Philosophie zu halten. Es ist ein sehr tiefgründiger Film, der einem viel über das Leben verrät. Dennoch verliert Sorrentino nie den Witz des Ganzen aus den Augen. Auch hier die Botschaft: Spass sollte ein integrer Bestandteil des Lebens sein.

Die Kamera, geführt von Luca Bigazzi, ist ein zarter Beobachter, passend zu Fred und Mick, die sich grösstenteils aus dem Leben der anderen Gäste heraushalten, jedoch immer fleissig beobachten (und Wetten abschliessen). Nur im Falle des jungen Darstellers Jimmy Dee (Paul Dano) macht Fred eine Ausnahme.

Mehr und mehr erfährt man durch Gespräche und Eindrücke vom Leben der einzelnen Charaktere. Hier wird das Puzzle, das mit den Bildern gespielt wird, auf eine zwischenmenschliche Ebene gehoben und fortgeführt. Das Leben ist seltsam, wir feiern Erfolge, machen aber auch Fehler. Ebenso ergeht es Mick und Fred, die im Alter nun langsam zu einem abschliessenden Ergebnis kommen bzw. kommen möchten.

"Ewige Jugend" lebt von kristallklaren Feinheiten und erinnert an ein kostspieliges Gängemenue, das man sich gerne ab und zu gönnt. Deshalb sollte man es nicht dann zu sich nehmen, wenn man Lust auf McDonald's hat. Das wäre unfair gegenüber diesem grossartigen Kunstwerk. Diesen Film kann man nicht zwischendrin rasch runterschlingen, man muss ihn geniessen, ihn sich auf der Zunge zergehen lassen und hinterher rekapitulieren.

Was für uns ein weiteres kleines Highlight war: der Film spielt bei uns um die Ecke und "Die Kleine Rote" hat sogar einen Gastauftritt!

Bechdel-Test: nicht bestanden
Der Film zentriert sich sehr auf die beiden Freunde. Dennoch haben Frauen hier wichtige Rollen, dienen jedoch mehr aus Auslöser für Ereignisse und Erklärungen für bestimmte Handlungsweisen.

Lieblingsszene: Es gibt viele richtig gute Szenen in d"Ewige Jugend". Wenn ich eine wählen müsste, dann wohl jene, in der Fred die Kühe dirigiert.


Produktionsland: Italien, Frankreich, Schweiz, Grossbritannien
Originalsprache: Englisch
Originaltitel: Youth
Regisseur:  Paolo Sorrentino
Label: Pathe
Laufzeit: 118 Minuten
FSK: ab 6
Erscheinungstermin: 20.05.2015

Kommentare :

  1. Filme von Regisseur Paolo Sorrentino bieten anscheinend herrliche Erlebnisse und Weisheiten. Ich sollte mir mal wenigstens einen Film von ihm ansehen. :-)

    LG
    Stephan

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    1. Ich kenne zwar bisher nur diesen Titel von ihm, aber den kann ich nur empfehlen :)

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    2. Ich wurde zum ersten Mal mit dem Namen Paolo Sorrentino konfrontiert beim Oscar im Jahr 2013. In diesem Jahr erhielt nämlich sein Film "La Grande Bellezza" den Academy Award für den Besten fremdsprachigen Film.

      LG
      Stephan

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    3. Wieder so ein Film, den ich mir merken muss :D

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    4. :D

      Paolo Sorrentino hatte übrigens auch die Idee zur Serie "The Young Pope" mit Schauspieler Jude Law. Ich konnte mir kürzlich die erste Folge dieser Serie ansehen. Ist nicht uninteressant, allerdings sehr, sehr, dialoglastig.

      LG
      Stephan

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    5. Von der Serie habe ich bisher noch gar nichts gehört. Hab ich schon wieder was verpasst?!

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    6. Keine Sorge, die Erstausstrahlung dieser Serie ist erst ein Jahr her, und außerdem läuft sie in Amerika und im deutschsprachigen Raum lediglich bei Pay-TV-Sendern (Sky), die auch die Produzenten unter anderem waren. Und wenn etwas im Pay-TV läuft, was nicht sonderlich viele haben, im Vergleich zu Kabel und Satellit, kann dies auch, meine Meinung, logischerweise untergehen.

      Aber dir und mir kann so etwas nicht passieren, denn informierst mich, und ich informiere dich - und somit ergänzen wir beide uns super. :-)
      So wie bei blogigo User SweetFreedom, dieser User kennt ebenfalls sehr viele Unterm-Radar-Projekte. So etwas finde ich immer genial, auf diesen Wegen kann man so sicher nichts verpassen! :-)

      LG
      Stephan

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    7. Das erklärt natürlich einiges. Sky habe ich nicht und ist mir bisher zu unbekannt, um es mir zu holen.

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    8. Auch ich bin kein sonderlicher Sky-Freund. Natürlich würden mich dort nur die Filmpakete interessieren. Aber ehrlich gesagt, immer, wenn ich mir im Fernsehprogramm auch das von Sky ansehe, dann habe ich locker 80 Prozent der angebotenen Filme bereits gesehen. Und außerdem sagt mir persönlich DVD und BluRay immer noch mehr zu als dieser Weg.

      Im Gegensatz zu Netflix, Amazon und Co. erscheinen die Eigenproduktionen von HBO wenigstens auch auf DVD/BluRay.

      LG
      Stephan

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    9. Na, dann klingt dieser Sender wirklich nicht so berauschend. Ich bin mit Netflix ziemlich gut bedient :)

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    10. Also ich finde, für Leute wie uns ist Bezahlfernsehen die falsche Wahl, weil entweder wir haben eh schon alles, was dort angeboten wird, gesehen, oder wir sind so tief in der Materie drin, dass wir eh nur ARTE schauen, wenn du verstehst, was ich meine. Bezahlfernsehen bietet zwar schon viel, kommt aber nicht aus der Oberflächlichkeit raus.

      LG
      Stephan

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    11. Also ich bin mit Netflix sehr gut bedient, also zähle ich wohl nicht in deine Gruppe. Die typischen ARTE-Filme hole ich mir eher aus der Bibliothek, wenn ich gezielt danach suche. Ansonsten finde ich tatsächlich das meiste, was ich sehen will auf NF. Auch finanziell und logistisch passt uns das besser.

      Mir gefällt die Kombi aus Bibliothek, SUB und NF, die ich im Moment habe. Natürlich muss das nicht für jeden Geschmack so sein und ich würde z.B. nicht auch noch ein Abo von Amazon dazuholen. Aber so ist wirklich jedes Genre abgedeckt: von B-Movies aus Wühlkisten, über TWD auf NF und älteren & tiefgründigeren Sachen aus der Bibliothek.

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    12. Eine sehr schöne und durchdachte Arbeitsweise von dir. :-)
      Ich komme mit meiner Methode (lineares Fernsehen und DVDs) ebenfalls sehr gut zurecht. :-)

      LG
      Stephan

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    13. Schön, dass jeder seine Weise hat :)

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  2. An der Kinokasse
    Ich: "Einmal EWIGE JUGEND, bitte."
    Kassierer (grinst): "Die hätte ich auch gerne."

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