[Filme] The Rover

The Rover, 2014

You should never stop thinking about a life you've taken. That's the price you pay for taking it.

Australien, 10 Jahre nach dem Ausbruch: Eric (Guy Pearce) ahnt nichts Böses, als plötzlich eine Gruppe von Dieben sein Auto stiehlt. Ohne zu zögern nimmt Eric die Verfolgung auf und gabelt auf der Jagd nach seinen Wagen den schwer verwundeten Rey (Robert Pattinson) auf. Rey ist der Bruder des Anführers der Verbrecherbande und wurde von der Gruppe einfach im Stich gelassen. Die zwei Männer machen sich auf quer durch das australische Outback und bilden eine mehr oder weniger freiwillige Allianz...

Dieser Film war eine weitere Zufallsentdeckung. Ich klickte mich ein wenig durch Netflix, als mir dieser Titel empfohlen wurde. Da es ausserdem gut zu einer Aufgabe der Filmchallenge passte, dachte ich mir „warum nicht?“ und liess mich, ohne irgendetwas über diesen Streifen zu wissen, darauf ein.

Bereut habe ich das keine einzige Sekunde lang. "The Rover" ist einer jener Schätze, die man nur per Zufall finden kann und einen dann nicht mehr loslassen.

Schon von den ersten Augenblick an baut Regisseur David Michôd (Königreich des Verbrechens) eine enorme Atmosphäre auf, das Tempo variiert und ist stets der Situation angepasst. Wer Erklärungen mag, der wird sich hier schwer tun, denn als Zuschauer wird man in diese apokalyptische Welt hineingeworfen und niemand kümmert sich darum. Ich mag solche Szenerien, in denen man merkt, dass der Regisseur den Zuschauern auch etwas zumutet. Sowas findet man heutzutage eher selten. Wer will sich schon etwas überlegen?

Nein, bei "The Rover" muss man sich vor allem am Anfang selber zurechtfinden. Die Figuren wissen, was geschehen ist, jeder war dabei (nur nicht derjenige, der zuschaut) - wieso also gross über etwas reden, von dem sowieso jeder weiss? Auch bezüglich der Handlung handhabt Michôd dies nicht anders. Da fliegt einfach mal ein Auto durch das ansonsten ruhige Bild der Ödnis. Und warum Eric so versessen auf dieses Auto ist? Abwarten.

Als ich dann irgendwann das Gefühl hatte, Glitzer-Edward zu begegnen, löste ich meinen Blick für einen kurzen Augenblick vom Fernseher und tatsächlich! Robert Pattinson - mit dem hätte ich hier in der australichen Einöde nicht gerechnet. Und fand ich ihn in den Twilight-Filmen noch eher mau, so beweist er in "The Rover", dass Pattinson nicht nur der feuchte Traum aller 13-Jährigen ist/war, sondern dass er ein richtig, richtig guter Schauspieler ist.


Pattinsons Darstellung von Rey ist einfach nur absurd grossartig. Rey ist einer jener Figuren, die so nicht dem Standartkatalog entsprechen, dass viele Schauspieler daran gescheitert wären. Denn für diesen Charakter muss man sich ins Zeug legen und genau das tut Pattinson hier. Auch Pearce zeigt eine grossartige Leistung, wird in meinen Augen jedoch von Robert Pattinson in den Schatten gestellt.

Die Handlung nimmt ab diesem Augenblick des Zusammentreffens noch mehr an Fahrt an, reisst tiefe Abgründe auf und ist spröde und bedrohlich wie die Umgebung, in der wir uns befinden. "The Rover" ist einerseits knallhart und brutal, lebt aber andererseits von den Finessen und feinen Tönen dazwischen. Einiges geht einem erst im Nachhinein auf. Nein, hier wird nichts einfach so auf dem Silbertablett serviert. Hier kämpft man ums Überleben und der Kampf ist hart.

Dass dieser Titel sieben AACTA-Awards eingeheimst hat, überrascht mich nicht. Zwar wurde der Film auf Rotten Tomatoes "nur" mit 66% bewertet, aber in meinen Augen ist es eine glatte 100. Für mich stimmt hier einfach alles. Das Grosse und das Kleine.

Als Beispiel Ärztin Dorothy (Susan Prior), eine weibliche Figur in einem Film, die tatsächlich mal wie eine Frau aus dem realen Leben auftreten darf! Kein Make-up, keine Darstellung primärer Geschlechtsteile, sondern eine Frau, die nach dem grossen Kollaps lebt und überlebt. Ein weiteres Beispiel: die Zähne. In Filmen haben alle Menschen immer blendend weisse Zähne. Sogar dann, wenn sie seit Jahren keine Zahnbürste mehr gesehen haben (in Lost, TWD uvm.). Sowas nervt mich extrem. Diese strahlenden Zähne in den ansonsten dreckigen Gesichtern. Hier dürfen die Figuren tatsächlich dreckige Beisserchen zur Schau stellen. Genau so wie es sein sollte. Kleine Details, die für mich enorm viel Bedeutung haben.

Die eher mässige Bewertung könnte natürlich daran liegen, dass sich dieser Film auf einer anderen Ebene bewegt als der typische Hollywood-Film. Keine übertriebenen Schiessereien, kein Sexysexy und ein oft eher ruhiges Fahren durch die Landschaft Australiens. Es ist ein tiefsinniges, nachdenkliches Fahren - nicht dieses wilde partymässige Roadtrip-Feeling der Amerikaner. Wer etwas in die Richtung erwartet, der wird hier ebenso Mühe haben wie jener, der auf alles eine Antwort braucht. Ich für meinen Teil liebe Titel, die sich abheben, die Anderes wagen und dort Wege finden, wo bisher noch keiner war.

David Michôd hat noch nicht sehr viele Titel in petto, aber die werde ich mir ganz sicher ansehen. Und alles, was sonst noch von ihm kommt. Ob aber ein Film je mit "The Rover" konkurrenzieren kann? Ich wage es zu beweifeln - Michôd hat sich da eine sehr hohe Messlatte gesetzt.

Bechdel-Test: nicht bestanden
Es kommen etwa zwei Frauen vor, die einander nicht kennen. Aber dennoch finde ich vor allem Dorothys Auftritt als realer und greifbarer als manch andere. Ihre Figur könnte direkt aus dem echten Leben stammen - solche Szenen sollte es öfter geben. Dann hätten viele Menschen auch weniger hohe Ideale und Körperstandarts.

Lieblingsszene: Die vom Überfall auf den Militärstützpunkt. Die kam überraschend und es ging echt was ab.


Produktionsland: Australien
Originalsprache: Englisch
Originaltitel: The Rover
Regisseur: David Michôd
Label: Porchlight
Laufzeit: 103 Minuten
FSK: ab 16
Erscheinungstermin: 18.05.2014
hzz

Kommentare :

  1. Den Trailer zu diesem Film habe ich bereits vor etwas längerer Zeit gesehen, fiel damals unter die Kategorie 'merken'. Anhand deiner Rezi wurde ich nicht enttäuscht, jetzt will ich ihn erst recht sehen. :-)

    Für mich hat sich Robert Pattinson für den richtigen Weg entschieden. Na gut, er hat nach dem "Twilight"-Erfolg diesen nicht stabil halten können, aber seine danach gewählten Rollen in kleineren und Arthouse-Produktionen fand ich schon immer imponierend. Er ist meiner Meinung nach in dieser winzig kleinen Nische gut aufgehoben.

    Deine Begeisterung über die dreckigen Zähne fand ich niedlich - aber du hast Recht, die großen Studios glauben, kleine Details sind marginal, sind sie allerdings keineswegs.

    LG
    Stephan

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich hoffe sehr, du kommst bald dazu, den Film zu sehen :)

      Soweit ich weiss, bin ich Pattinson bisher gar nicht mehr begegnet. Aber wenn er dort genauso überzeugend rüberkommt, dann muss ich mir die anderen Filme auch ansehen!

      Löschen
    2. Doch, da sind einige interessante Projekte mit ihm rausgekommen:

      "Wasser für die Elefanten"

      "Cosmopolis" (den habe ich leider selber noch nicht gesehen, hat mir persönlich aber imponiert, da er von Regisseur David Cronenberg gedreht wurde)

      "Maps to the Stars" (ebenfalls von Regisseur David Cronenberg)

      "Life" (habe ich noch nicht gesehen, aber in diesem Film spielt er einen Fotografen, der Bilder von James Dean knipsen soll)

      "Die versunkene Stadt Z" (ist, glaube ich, derzeit noch im Kino, soll laut Kritikern schön altmodisch gemacht sein, wie es mir gefällt *g*)

      "Königin der Wüste" könnte ebenfalls interessant sein, obwohl der bei Kritikern nicht so gut ankam. Sehen möchte ich ihn dennoch mal, weil der Regisseur war Werner Herzog. Der Name allein reicht bei mir schon, um ihn ansehen zu wollen. :-)

      LG
      Stephan

      Löschen
    3. Ja, da sind tatsächlich ein paar vielversprechende Titel dabei. Mal sehen, welcher davon mir als erster über den Weg laufen wird :D

      Werner Herzog musste ich gleich mal googlen - kenne keinen seiner Filme, aber alleine schon die Titel klingen extrem gut!

      Löschen
    4. Der Name Werner Herzog muss jedem ein Begriff sein. Nicht nur wegen seiner Filme, sondern vor allem, weil er in der Vergangenheit fünf Filme mit der schwierigen Person Klaus Kinski gedreht hat. Zu dieser Konstellation gibt es auch eine Dokumentation mit dem Titel "Mein liebster Feind" (https://de.wikipedia.org/wiki/Mein_liebster_Feind).

      LG
      Stephan

      Löschen
    5. Und schon wieder eine Nachhilfelektion erhalten :D
      Muss ich mir gleich mal angucken gehen.

      Löschen