[Filme] Who Am I

Who Am I, 2014

MRX hatte drei Regeln:
Erstens: Kein System ist sicher
Zweitens: Dreistigkeit siegt
Drittens: begrenze Deinen Spass nicht nur auf die virtuelle Welt


 Benjamin Engel (Tom Schilling) ist unsichtbar. Er war es schon immer. Also macht er aus der Not eine Tugend und setzt seine Fähigkeiten im Bereich Computer dazu ein, für Marie (Hannah Herzsprung) die Uni zu hacken, um an die Prüfungsfragen für die Abschlussprüfung zu gelangen.

Leider wird Benjamin erwischt und zu Sozialstunden verdonnert. Doch genau da trifft er auf Max (Elyas M’Barek), der eine Gruppe von Hackern um sich geschart hat. Zusammen mit Stephan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot, Jr.) gründen sie die Hackergruppe CLAY.

Geht es zuerst nur darum, Spass zu haben und den grossen Firmen etwas auf die Füsse zu treten, wird es schon bald ernst, als Max und Benjamin beschliessen, Kontakt mit ihrem grossen Idol MRX (Leonard Carow) aufzunehmen...

So langsam habe ich das Gefühl, dass das deutsche Kino an Fahrt gewinnt. Bisher hatte ich bei Krimis/Thrillern aus Deutschland immer dieses Tatort-Gefühl. Düstere Stimmung, bedrückende Musik, Figuren, die wirken wie bewegliche Eisklötze (was wohl Tiefe darstellen soll, mir aber immer auf die Nerven ging) und kuriose Fälle. Aber mit "Who Am I" legt Regisseur Baran bo Odar (Das letzte Schweigen) einen Thriller vor, der es tatsächlich mit den modernen amerikanischen Streifen aufnehmen kann.

Natürlich bewegt sich dieser Film nicht auf dem Niveau eines Christopher Nolan, aber wenn ich an die leicht verstaubten Krimis und Thriller zurückdenke, die ich manchmal mit meiner Mutter geschaut habe, dann bringt "Who Am I" einen ganz  neuen Schwung in die deutsche Filmlandschaft. Einen positiven Schwung, denn dieser Streifen packt einen von Anfang an. Zumindest wenn man dieses Genre mag.

Es beginnt wie ein typischer Thriller, wird dann aber immer mehr zum Realitätstest. Schlussendlich fragt sich auch der Zuschauer, was denn nun wahr ist und was nicht. Es warten ein paar Wendungen in der Handlung, mit denen ich gar nicht gerechnet hätte und die ich deshalb umso besser positioniert finde. Wie gesagt, noch kein Nolan, aber "Who Am I" ist definitiv auf dem richtigen Weg.

Man merkt auch im Handlungsaufbau (Drehbuch von Baran bo Odar und Jantje Friese), wie sich die Stimmung verändert. Haben die Jungs anfangs einfach ihren Spass, wird daraus schon bald bitterer Ernst. Die Musik passt sich an, sowie auch die Kamerabilder. Noch nicht ganz ausgefeilt, aber ich war dennoch überrascht, dass sich dieser Film auf einem unerwartet guten Niveau bewegt.

Natürlich war M'Barek der Hauptgrund für mich, mir den Film anzusehen und ja, er macht seinen Job gut. M'Barek spielt auch hier wieder den unangepassten Wildfang; ich glaube, diese Rollen passen zu ihm und machen ihm Spass. Aber schlussendlich war ich vom gesamten Film stark beeindruckt, nicht nur von M'Barek selbst.

Die Spannung wird mehr und mehr angezogen und lustigerweise spielt das Team sogar mit dem "Tatort-Klischee", das ich oben erwähnt hatte. Nur um dann der ganzen Sache einen kräftigen Tritt zu geben und alles wieder anders aussieht.

Als einzigen Kritikpunkt führe ich an, dass der Gruppe manche Sachen einfach zu einfach von der Hand geht. Z.B. der Einbruch beim Bundesnachrichtendienst. Dass das so einfach vonstatten geht ist schon eher unwahrscheinlich. Im Film scheint es fast so, als könnte dort jeder einfach so reinspazieren.

Dennoch: wenn so die Zukunft des deutschen Kinos aussieht, dann bin ich gewillt, daran zu glauben. Hier ist zumindest mal der Beweis, dass deutsch nicht unbedingt alt und verstaubt bedeutet.

Bechdel-Test: nicht bestanden
Es gibt genau ein Mädchen (Marie) und eine Frau (Hanne Lindberg, gespielt von Trine Dyrholm), die sich zwar in einer Szene unterhalten, aber das Thema ist ein Mann, Benjamin, sodass der Film den Test nicht besteht.

Lieblingsszene: Die Szenen im Deepweb. Mir gefällt die Idee, das Deepweb als maroden Metrowagen darzustellen. Düster und beengend, sodass man auch als jemand, der sich mit Computern wenig auskennt, vorstellen, was genau das Deepweb eigentlich darstellt.


Produktionsland: Deutschland
Originalsprache: Deutsch
Originaltitel: Who Am I - Kein System ist sicher
Regisseur: Baran bo Odar
Label: Sony
Laufzeit: 105 Minuten
FSK: ab 12
Erscheinungstermin: 25.09.2014

Kommentare :

  1. Ich hatte auch schon vor einigen Jahren mal die Vermutung, dass das neue deutsche Kino dermaßen stilisiert, hip, frisch und jung daherkommt, dass es schon bald an amerikanische Stile anschließt.

    "Who Am I - Kein System ist sicher" habe ich noch nicht gesehen, möchte ich aber noch.
    Ich mag Hacker-Filme, bisher alle, die ich gesehen habe, verstehen es, an der Spannungsschraube zu drehen. Die Kritik an Politik, Gesellschaft und Überwachung würde ihnen noch die nötige Würze verleihen, aber damals war das noch nicht so wie heute. Wird aber noch kommen, denn heutige Hacker-Film-Serien-Produktionen passen sich perfekt an die derzeitige Lage an ("Mr. Robot").

    Das einzige, was mir an Hacker-Filmen nicht so zusagt ist die visuelle Umsetzung, wenn am Computer um die Wette gehackt wird. Klar, man kann jetzt keinen eine halbe Stunde oder länger filmen, der nur vor dem PC sitzt, und auf seine Tasten hämmert, aber die visuelle Darstellung des virtuellen könnte doch etwas realistischer gestaltet sein. Ich muss an dieser Stelle erwähnen, ich habe derzeit meinen ersten gesehenen Hacker-Film im Kopf, nämlich "Hackers - Im Netz des FBI" mit einer jungen Angelina Jolie sowie einem jungen Johnny Lee Miller, der stammt aus dem Jahr 1995, und da hielt man das Internet für etwas popkulturelles. Ich weiß jetzt leider nicht, wie nüchterne Produktionen aus der heutigen Zeit visuell das Internet beim Hacken darstellen. Kennt zufällig jemand die Serie "Mr. Robot"? Wenn Ja, wie sieht es denn hier visuell bei den Hacker-Szenen aus?

    LG
    Stephan

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    1. Mit popkulturell meinte ich, dass man damals der Meinung war, es ist nur was für die ganz jungen Leute, die meistens sich in Clubs aufhalten, dementsprechend auch die Darstellung in den 90ern der Hacker. In der heutigen Zeit weiß man, dass Hacker in allen sozialen Schichten vorzufinden sind.

      LG
      Stephan

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    2. Auch ich mag Hacker-Filme sehr gerne und die meisten, die ich bisher gesehen habe, fand ich auch alle wirklich gut.

      Das mit der visuellen Umsetzung hat der Hexenmeister vor allem bei amerikanischen Produktionen bemängelt. Dort sehe das stets so hip aus mit vielen bunten Streifen etc. Dafür würde man hauptsächlich vor einem schwarzen Bildschirm mit weissem Text sitzen (er kennt sich da ziemlich gut aus).

      Leider kenne ich die von dir genannten Filme/Serien nicht, sodass ich leider nicht viel dazu sagen kann. Je nachdem könnte ich mal vorschlagen, dass der Hexenmeister und ich "Mr. Robot" schauen, aber im Moment sind wir mit Bob und seinen Burgern gut bedient.

      Dass in den 90ern noch eine andere Sichtweise auf Hacker und Computer im Allgemeinen herrschte, weiss ich aus eher privatem Umfeld.

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    3. Interessant, was ich da von dir erfahren habe. Vielen lieben Dank für die Info. :-)

      Vielleicht komm ich ja auch mal dazu, "Mr. Robot" zu schauen.

      "Hackers - Im Netz des FBI", der Film war vor einigen Wochen mal wieder im Fernsehen, den hab ich mir gleich angesehen. Obwohl er aus dem Jahr 1995 stammt, find ich ihn immer noch ziemlich cool gemacht, zudem habe ich bei dem Wort Hacker immer noch diesen Film sofort im Kopf, und wenn ein Film so etwas schafft, dann heißt das schon was. Den könntet ihr euch eventuell einmal vormerken.

      LG
      Stephan

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    4. Ich habe mir beide Titel mal gemerkt. Mit deinen Tipps kann man eigentlich nichts falsch machen ;)

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