[Anime] Patema Inverted

Anime
Patema Inverted, 2013

Ist es denn Sünde, in den Himmel zu fallen?

Die Menschen haben mit der Gravitation gespielt - mit furchtbaren Folgen: Viele Gegenstände, aber auch Menschen erlitten eine umgekehrte Anziehungskraft und fielen in den Himmel.
Age, der im totalitären Staat Aiga lebt, wo jene, die in den Himmel gefallen sind, als Sünder verschrieen sind, leidet noch immer unter dem tragischen Tod seines Vaters. Sein Vater, der in den Himmel aufsteigen wollte.

Patema lebt unter der Erde, hat jedoch eine starke Sehnsucht danach, zu erfahren, was es sonst noch gibt. Sie sucht noch immer nach ihrem verschollenen Freund Lagos und auf einer ihren Touren wird sie von einem seltsamen Wesen angegriffen und fällt in einen Tunnel. An dessen Ende trifft sie auf Age...

Die Beschreibung mag vielleicht etwas wirr klingen, der Film ist es jedoch nicht. Beziehungsweise er ist es. Auf eine "Inception"-mässige Art und Weise. Nimmt man sich Zeit, die Logik dieser Welt(en) zu verstehen, ist es nicht kompliziert. Möchte man jedoch für alles eine möglichst einfache 0815-Lösung haben, dann ist es verwirrend. Nimmt man sich jedoch die Zeit, um sich ein paar Gedanken zu machen, geht alles auf.

Auch ich hatte erst Mühe, mich in dieser Realität zurecht zu finden, aber je mehr ich davon sah, desto faszinierter war ich. Diese Idee ist grandios! Umgekehrte Gravitation. Wie ist es, wenn die ganze Welt plötzlich Kopf steht? Wenn man fürchten muss, in den unendlichen Himmel zu fallen? Somit ist "Patema Inverted" ein spannendes Gedankenexperiment, das einen so leicht nicht mehr loslässt.

Auf den ersten Blick erinnert Patemas Geschichte an "The Place Promised in our Early Days", denn auch hier wurde sehr viel Zeit und Aufwand in die Hintergründe gesteckt. Die Figuren wirken davor recht simpel, aber dadurch entsteht Harmonie. Die Details, die "Patema Inverted" auszeichnen, sind wundervoll und bringen so viel Stimmung in den Film, dass man sich fast schon nach Aiga versetzt fühlt.

Die Handlung in diesem Anime ist darauf ausgerichtet, dass Patema gerettet werden muss. Dafür muss sich Age mit Patemas Familie zusammentun. Dabei kommt ein weiteres Thema zum Tragen, das auch in unserer Zeit immer wieder aufgegriffen wird: Die Angst vor Andersartigkeit. In Aiga sind die "Inverts", zu denen auch Patema gehört (deshalb der Titel), Sünder und werden verflucht. Doch Age selber ist ebenfalls ein Aussenseiter, schaut er doch zu oft in den Himmel, was in Aiga per Gesetz verboten ist. Erst Patema versteht Age und so entwickelt sich eine wundervolle Geschichte. Denn gemeinsam sind Age und Patema ein unschlagbares Team, was sie alleine nicht wären.

Es werden jedoch noch weitere Themen in den Film von Yasuhiro Yoshiura (Pale Cocoon, Time of Eve) eingeflochten, ohne dass der Anime dabei überladen wird. Aigas totalitäres Regime, die Überwachung und der Machtanspruch eines Einzelnen fügt sich auf harmonische Weise in die Haupthandlung ein und gibt dem Zuschauer ein greifbares Bild der Gesellschaft, in der Age aufgewachsen ist. Dass sein Vater dort geächtet wird, können wir uns also nur zu gut vorstellen.

Die deutsche Synchro muss nicht erwähnt werden, denn sie bewegt sich auf dem typischen Niveau. In den ersten Minuten hatte ich das Bedürfnis, mir die Ohren zuzuhalten, doch das liess mit der Zeit nach. Viel lieber hätte ich den Film jedoch im japanischen Originalton gehört, da die Japaner viel mehr Aufwand darin betreiben, einen geeigneten Sprecher für die Figuren zu finden.

Ich bin wirklich begeistert von "Patema Inverted", würde ihn jedoch nur eher erfahrenen Animeschauern empfehlen, da man doch ein wenig gefordert wird. Die Idee und die Umsetzung sind hier derart gut und passend umgesetzt, dass dieser Film ein kleines Spektakel darstellt, das ich allen anderen rundherum empfehlen kann.

Lieblingsszene: Als Age und Patemas Freund Porta sich zusammen in Patemas Gefängnis reinschleichen müssen. Die Jungs verstehen sich nicht ganz so gut wie Patema und Age, raufen sich aber Patema zuliebe zusammen. Eine lustige Szene, die den gesamten Film aufheitert.

Bechdel-Test: nicht bestanden
Neben Patema gibt es nur noch eine weibliche Figur, eine Freundin von Age. Die ist jedoch nicht wirklich wichtig. Ansonsten dreht sich wirklich alles um Patema, sodass der Test leider nicht bestanden werden kann.

Kommentare :

  1. Liest sich äußerst kompliziert und faszinierend. Von deinem Tipp ausgehend, werde ich zuerst mich mit Anime ein wenig mehr vertraut machen als bisher. Er wird aber definitiv vorgemerkt. :-)

    Obwohl du eigentlich kein Freund von Liebesfilmen bist, dieser allerdings sehr speziell und innovativ daherkommt, möchte ich dir dennoch diesen hier näher bringen, wenn du nach dem Ansehen von schwerer Kost wie "Patema Inverted" mal etwas Entspannung brauchst:

    "Upside Down"

    Das Spezielle und Innovative hier ist nämlich, dass sich diese Liebesgeschichte ebenfalls inmitten zweier Welten abspielt, einer, die Kopf steht, und einer, die 'normal' steht.
    Der Film ist an sich sehr gut gemacht, leider ist er zu technisch perfekt, sodass keine Emotionen beim Zuschauer, bei der Zuschauerin geweckt werden können für die beiden Liebenden.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Upside_Down_(Film)

    LG
    Stephan

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    1. Über Upside Down bin ich beim Schreiben dieser Rezension auch schon gestolpert, da der Anime oft damit verglichen wird. Ich habe mir auch eben den Trailer angesehen und zumindest die Bilder sind wirklich schön. Jedoch weiss ich nicht, ob mir das Ganze nicht schon zu sehr Liebesgeschichte ist. Aber ich behalte es auf jeden Fall mal im Kopf :)

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    2. Dies kann ich dir gleich verraten, es ist eine Liebesgeschichte. Und dies ist ja das Witzige, Interessante daran, die Liebe ist gefühlskalt, wofür aber nur die zu perfekte Technik etwas kann.

      Dass du im Zuge deiner Rezension über diesen Film bereits gestolpert bist, weil er mit diesem hier verglichen wird, war irgendwie klar. Als ich deine Rezi las, schoss auch mir ständig während des Lesens genau dieser Film in den Kopf.

      LG
      Stephan

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    3. Liebe kann auch gefühlskalt dargestellt werden. Klingt auf jeden Fall mal interessant und nicht zu übertrieben verkitscht. Von daher klingt es sogar für mich ziemlich spannend.

      Die Filme sind sich in gewissen Punkten ähnlich, aber Handlung, Figuren, Welten unterscheiden sich grundlegend. Man kann es natürlich vergleichen - muss man aber nicht.

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    4. Den Kern bei beiden Werken, das Spiel mit der Gravitation, kann man aber schon als treffenden Vergleich nennen. Der Rest, stimmt natürlich, unterscheidet sich entweder in kleinen Punkten, oder aber auch in größeren.

      Liebe kann auch gefühlskalt dargestellt werden!? Hm, interessant, dass dies geht, daran habe ich gar nicht gedacht, ich kannte bis jetzt eigentlich immer nur die warmherzige, teils verkitschte Liebe. Aber unter deinen erwähnten Vorteilen einer gefühlskalten Liebe betrachtet - nicht zu übertrieben verkitscht - da wird "Upside Down" plötzlich positiver. Toll.

      LG
      Stephan

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    5. Ich meine - warum auch nicht? Jeder Mensch liebt anders, somit gibt es zig Möglichkeiten, jemanden oder etwas zu lieben. Also gibt es auch die kalte Liebe, die einfach anders funktioniert als das, was wir sonst so von Hollywood geliefert bekommen.

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    6. Das ist brillant!

      So habe ich das noch gar nicht gesehen.

      LG
      Stephan

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    7. Schön, dass wir uns so ergänzen, um Dinge auch mal anders betrachten zu können :) Auf jeden Fall hast du mich jetzt auf den Film neugierig gemacht!

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